Ihre Armbanduhr geht drei Minuten vor. Sie halten sie neben die Bahnhofsuhr und stellen das fest — das ist Kalibrieren: vergleichen und die Abweichung kennen. Dann drehen Sie an der Krone und stellen die Zeiger richtig — das ist Justieren: eingreifen und korrigieren. Der ganze Unterschied in zwei Sätzen.
Im Alltag sagen viele «kalibrieren», wenn sie eigentlich «justieren» meinen — im QM-System sind es aber zwei klar getrennte Vorgänge mit unterschiedlichen Folgen. Wer sie verwechselt, riskiert ungültige Kalibrierscheine und unangenehme Fragen im Audit. Dieser Artikel erklärt beide Begriffe (plus den dritten im Bunde: Eichen) so, dass sie nie wieder durcheinandergeraten. Die Grundlagen von A bis Z — Ablauf, Intervalle, Kosten — vertieft der Artikel Was ist Kalibrieren?
Das Wichtigste in Kürze
- Kalibrieren = feststellen und dokumentieren. Das Gerät wird nicht verändert.
- Justieren = eingreifen und einstellen. Das Gerät wird verändert — danach ist die alte Kalibrierung ungültig.
- Eichen = gesetzliche Prüfung durch den Staat (METAS) — nur für eichpflichtige Geräte wie Ladenwaagen.
- Die richtige Reihenfolge: kalibrieren (as found) → bei Bedarf justieren → neu kalibrieren (as left).
- Beide Wertesätze gehören auf den Kalibrierschein — Auditoren fragen gezielt danach.
Der Unterschied als Bild: die Zielscheibe
Die drei Begriffe nach VIM — mit Alltagsübersetzung
Kalibrierung
VIM 2.39«Die Uhr neben die Bahnhofsuhr halten»Dokumentierter Vergleich zwischen der Anzeige eines Messgeräts und einem Referenznormal — mit Angabe der Messunsicherheit. Verändert das Gerät NICHT. Ergebnis: ein Kalibrierschein mit der festgestellten Abweichung.
Justierung
VIM 3.11«An der Krone drehen und die Zeiger stellen»Einstellen oder Korrigieren des Messgeräts, um den Messfehler zu minimieren. VERÄNDERT das Gerät — deshalb ist die alte Kalibrierung danach ungültig und muss wiederholt werden.
Eichung
VIML«Der Staat prüft die Ladenwaage»Gesetzlich vorgeschriebene Prüfung durch eine staatliche Stelle (in der Schweiz METAS). Betrifft nur eichpflichtige Geräte im geschäftlichen Verkehr — z.B. Waagen im Handel, Zapfsäulen, Energiezähler. Industrielle Prüfmaschinen sind nicht eichpflichtig, sondern werden kalibriert.
So gehört es auf den Kalibrierschein: As found / As left
In der Praxis laufen Kalibrierung und Justierung als fester Dreischritt ab — und ein guter Kalibrierschein dokumentiert beide Zustände:
Kalibrieren — «wie vorgefunden»
Zuerst wird gemessen, wie das Gerät ankommt. Diese Werte zeigen, wie es seit der letzten Kalibrierung gemessen hat.
Justieren — falls nötig
Nur wenn die Abweichung zu gross ist, wird eingegriffen. Kleine Abweichungen innerhalb der Toleranz werden dokumentiert, nicht «wegjustiert».
Neu kalibrieren — «wie übergeben»
Nach dem Eingriff wird erneut gemessen. Diese Werte gelten ab jetzt — und beweisen, dass die Justierung gewirkt hat.
Warum die As-found-Werte so wichtig sind: Lag das Gerät «wie vorgefunden» ausserhalb der Toleranz, sind alle Messungen seit der letzten Kalibrierung fraglich — das muss bewertet werden (und genau danach fragt der Auditor). Ausserdem zeigt die As-found-Historie über Jahre die Drift des Geräts — die Grundlage, um Kalibrierintervalle datenbasiert zu optimieren.
Praxisbeispiel: 600-kN-Prüfmaschine im Baustofflabor
| Schritt | Ergebnis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1 — Kalibrierung (as found) | Abweichung −1,4 % | Klasse 1 (±1,0 %) verfehlt — das Gerät hat zuletzt zu tief gemessen. |
| 2 — Justierung vor Ort | Kraftmesskette neu abgeglichen | Eingriff dokumentiert; alte Kalibrierung damit ungültig. |
| 3 — Neue Kalibrierung (as left) | Abweichung +0,15 % | Klasse 1 sicher erfüllt — ab jetzt gelten diese Werte. |
Das Labor musste in diesem Fall zusätzlich bewerten, welche Betonprüfungen seit der letzten Kalibrierung von der −1,4-%-Abweichung betroffen waren — unangenehm, aber ohne die As-found-Messung wäre es unentdeckt geblieben. Was die Klassen bedeuten, erklärt unser Artikel zur ISO 7500-1; ob so eine Abweichung «bestanden» wäre, klärt die Konformitätsbewertung.
Drei Missverständnisse, die im Audit teuer werden
«Das Gerät wurde kalibriert — jetzt stimmt es wieder.»
Kalibrieren verändert nichts. Es stellt nur fest, wie gross die Abweichung ist. Stimmen soll das Gerät erst nach einer Justierung — und das beweist wieder nur eine neue Kalibrierung.
«Nach dem Justieren gilt der alte Kalibrierschein weiter.»
Nein. Jeder Eingriff macht die alte Kalibrierung ungültig. Ohne neue Kalibrierung (as left) ist das Gerät formal unkalibriert — ein klassischer Audit-Befund.
«Eichen und Kalibrieren ist doch dasselbe.»
Eichen ist eine gesetzliche Prüfung durch den Staat und betrifft nur eichpflichtige Geräte im Handel. Industrielle Mess- und Prüfmittel werden kalibriert — freiwillig, aber vom QM-System gefordert.
Häufige Fragen
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